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Social Entrepreneurship und Entwicklungszusammenarbeit: Auf in neue Gewässer!

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von ashokaaustria

Dass die Erde in Entwicklungsländer und Industrienationen, in globalen Norden und Süden, in Zentrum und Peripherie, oder Nehmer- und Geberländer unterteilt wird war gestern – im Zeichen von Klimawandel und anderen globalen Krisen wird heute klar, dass wir alle auch „Entwicklungsländer“ sind. Sozialunternehmer sind „Entwicklungs-Künstler“. Ihre Lösungen auf brennende soziale Probleme sind transferierbar. Sozialunternehmer sind „Perspektiven-Wandler“ – auch für die Entwicklungszusammenarbeit.

von Georg Schön

Wer sind Social Entrepreneurs? In welchen Bereichen arbeiten sie? Was zeichnet sie aus?

Social Entrepreneurs treten mit dem Ziel an, innovative unternehmerische Lösungen für drängende soziale Probleme zu finden und umzusetzen. Sie haben daher den Ruf von Erneuerern und Innovatoren. Weil Social Entrepreneurs systemisch denken, verankern sie ihre Ansätze unabhängig von sich in der Gesellschaft: Sie sind nicht zufrieden, wenn ihr Konzept an einem Ort funktioniert, sondern wollen das zugrunde liegende Erfolgsrezept überall dorthin bringen, wo es gebraucht wird. Und sie inspirieren Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft, sich mit Ihren Talenten einzubringen. Sie teilen die Qualitäten klassischer UnternehmerInnen aus der Wirtschaft, sind jedoch gemeinnützig orientiert.

 

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Ashoka Fellow Martin Hollinetz möchte mit sein OTELO (Offene Technologie Labor) die Voraussetzung schaffen, Personen jeden Alters bei der Entwicklung, Vertiefung und Umsetzung eigener Ideen in der Region zu unterstützen und zu begleiten.

Social Entrepreneurs haben ein Geschäftsmodell, das oft teilweise von Spenden und Zuwendungen finanziert wird. Warum ist das so? Geschäftsmodelle von Social Entrepreneurs sind oft „hybrid“ – d.h. sie vereinen non-for-profit und for-profit Elemente. Soziale Wirkung, das zeigen Social Entrepreneurs vor, läßt sich teilweise über den Markt finanzieren, oft sind aber auch die öffentliche Hand und Zivilgesellschaft als Investoren gefragt, insbesondere dort, wo öffentliche Güter und Dienstleistungen im Fokus stehen. Aufgrund von Markt- und Politikversagen kann die Nachfrage nach innovativen Dienstleistungen von Social Entrepreneurs zudem gehemmt sein. Zum Beispiel kann das Ziel von einem Social Entrepreneur der Aufbau von Recycling- und Entsorungsunternehmen sein, die von Slumbewohnern in Armutsvierteln betrieben werden. Das Bedarf den Aufbau von lokalen Netzwerken und die Umsetzung von Ausbildungsprogrammen für Slumbewohner. Und wenn es in einem Land keine Rahmenbedingungen für Müllentsorgung und Recycling gibt, werden Social Entrepreneurs viel Zeit investieren müssen, das Thema auf die Agenden von Gemeinden und Betrieben zu bringen, damit das Problem langfristig gelöst wird.

Allen Social Entrepreneurs ist es gemein, dass sie dort Einkommen generieren, wo sie können, und ihre Dienstleistung nicht verschenken. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Ziel. Und Nachhaltigkeit. Social Entrepreneurs, die profitabel werden, reinvestieren Gewinne wieder, um ihre Wirkung dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird. In Bereichen wie Umweltschutz, Gesundheit und Regionalentwicklung gibt es zunehmend Social Entrepreneurs, deren hybride Geschäftsmodelle sich komplett selbst finanzieren.

Wie kann Social Entrepreneurship einen relevanten Beitrag zur Lösung von Problemen in Entwicklungsländern leisten? 

 Social Entrepreneurs arbeiten schon heute, oft unerkannt, quer durch alle gesellschaftlichen Problemzonen, auch in Entwicklungsländern. Im Sinne einer „reverse innovation“ nahm der Begriff in den globalen Peripherien seinen Ursprung: Ashoka startete in den 80er Jahren in Indien und Lateinamerika. Erst in den letzten 10 Jahren schwappte diese Bewegung auch nach Europa.

 

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Weltweit zeigen 3000 Ashoka Fellows, was Social Entrepreneurs bewirken können.

Im September sollen auf dem UN-Gipfel zur Nachhaltigkeit in New York die „nachhaltigen Entwicklungsziele“ (SDGs) verabschiedet werden. Spätestens dann wird das alte eurozentrische Entwicklungshilfe-Paradigma, das die Erde in Entwicklungsländer und Industrienationen, in globalen Norden und Süden, in Zentrum und Peripherie, oder Nehmer- und Geberländer unterscheidet, veraltet sein. Die nachhaltigen Entwicklungsziele werden für alle (UN) Staaten dieser Erde gleichsam gelten. Deswegen schrieb „Die Zeit“ unlängst: „Die SDGs machen alle Nationen zu Entwicklungsländern.“ Diese Erkenntnis ist für Social Entrepreneurs schon längst Realität. Sie entwickeln innovative Lösungsansätze für brennende soziale Probleme, und bringen sie dorthin, wo sie nachgefragt werden.

Zwei Mitglieder der Ashoka Global Academy – einem Beratergremium von Ashoka – zeigen, dass Social Entrepreneurship alte entwicklungspolitische Denkmuster durchbricht. Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus hat gezeigt, dass Mikrokredite nicht nur in Bangladesh, sondern weltweit, auch in Industrieländern, ein Instrument zur Armutsbekämpfung sein können. Auch das Konzept der „Base of the Pyramid“ bzw. „Fuss der Pyramide“ – das die Eingliederung der marginalisierten und verarmten Teile der Bevölkerung in (sozial-)unternehmerische Wertschöpfungsketten als eines der wichtigsten Instrumente der Armutsbekämpfung ansieht – ist bei über 10% Durchschnitssarbeitslosigkeit und mehr als 120 Millionen von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in der Europäischen Union längst relevant. Zudem hat Oded Grajew, Initiator des Weltsozialforums in Puerto Alegre/Brasilien, gezeigt, dass eine globalisierte Zivilgesellschaft im Entstehen ist, die zusammen – über alle Grenzen hinweg – an zukunftsfähigen gesellschaftspolitischen Visionen und Lösungswegen arbeitet. Social Entrepreneurs sind Teil dieser Bewegung. Sie arbeiten weltweit an der Erneuerung von politischen Kulturen und beleben Zivilgesellschaft.

Weltweit zeigen 3000 Ashoka Fellows, was Social Entrepreneurs bewirken können. Albina Ruiz aus Peru wird dem Müll in Armenvierteln Herr, indem sie Slumbewohnern die Möglichkeit erschließt, kommunale Recyling- und Entsorgungsunternehmen zu gründen. Tri Mumpuni aus Indonesien befähigt die Bewohner entlegener Dörfer, gemeinsam Elektrizitätsbetriebe zu gründen, die über Mikrowasserkraftwerke Strom liefern. Rodrigo Baggio aus Brasilien nutzt die Affinität von Kindern zu Computern und Internet, und hat fast eine Million Kinder aus Slums in Schulen geholt und fit für den Beruf und ihr Leben gemacht. Bart Weetjens trainiert Ratten, um Landminen in Afrika aufzuspüren. Und Ashoka Fellow Kailash Satyarthi aus Indien ist Vorreiter in der globalen Bewegung gegen Kinderarbeit und erhielt dafür 2014 den Friedensnobelpreis. Neben seiner etablierten Organisation und dem Markenzeichen Rugmark (bzw. Good Weave), das faire Praktiken und einen Verzicht auf Kinderarbeit in der Teppichproduktion garantiert, leitet Kailash den „Global March Against Child Labour“, ein Zusammenschluss von 2.000 sozialen Organisationen und Gewerkschaften in 140 Ländern, um Kinderarbeit und Sklaverei weltweit zu beenden.

Der Österreichische Ashoka Fellow Martin Hollinetz tourt zwischen Spanien, Südkorea und Südafrika, um sein innovatives Modell der Regionalentwicklung – die „Offenen Technologielabore“ – in die unterschiedlichsten geographischen, sozio-kulturellen und politischen Kontexte zu verankern. Sozialunternehmerische Lösungen auf brennende soziale Probleme sind transferierbar, und bewegen sich immer öfter „entgegengesetzt“, wie die Mikrokreditbewegung von Muhammed Yunus eindrucksvoll zeigt, bzw. werden „zirkulär“ von Gravitationszentren angezogen und dorthin begleitet, wo sie einen Mehrwert für die Gesellschaft stiften können.

Welche Rolle können Geberorganisationen in diesem Prozess spielen? Auf welche Weise können sie Unterstützung leisten?

Weltweite Plattformen wie Ashoka, Schwab oder Impact Hub erlauben schon heute eine Vernetzung von Social Entrepreneurs, das Teilen von Erfahrungen, aber zunehmend auch, die Internationalisierung von Lösungen für gesellschaftliche Probleme und grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Lokale Infrastrukturen und Ökosysteme für Social Entrepreneurs sind weltweit im Entstehen. Sozialunternehmertum als Methodik wird auch für große Wohlfahrtsorganisationen, Unternehmen oder als Instrumentarium der öffentlichen Hand immer relevanter.

Ashoka Fellow Tri Mumpani aus Indonesian besucht die Impact Hub Vienna.

Ashoka Fellow Tri Mumpani aus Indonesian besucht die Impact Hub Vienna.

Geberorganisationen können generell helfen, Barrieren für Sozialunternehmertum zu beseitigen und ein unterstützendes Ökosystem aufzubauen. Sozialunternehmertum hat sich bereits als Instrument für Lokal- und Regionalentwicklung oder Arbeitsmarktpolitik bewährt, wie die EU Social Business Initiative unterstreicht. Zudem benötigt es neue Formen der öffentlichen Finanzierung, um ihren „hybriden“ – non-for-profit und for-profit – Geschäftsmodellen zu entsprechen. Im Gegensatz zur klassischen Wirtschaftsförderung sind Inkubationsprogramme und Acceleratoren für Sozialunternehmen noch zumeist privat finanziert. In etlichen Ländern der Welt wird bereits die klassische Wirtschaftsföderung für diese Themen aufgemacht bzw. spezielle Förderprogramme ins Leben gerufen, die dem Kompetenzaufbau von SozialunternehmerInnen dienen. Ein gutes Beispiel ist der „Investment and Contract Readiness Fund“ in Großbritannien, der SozialunternehmerInnen dabei unterstützt, ihre Organisation soweit zu entwickeln, dass sie größere Investitionen aufnehmen oder öffentliche Ausschreibungen gewinnen können. Ashoka Fellow Scott Gillmore hat gezeigt, dass dieses Prinzip auch auf lokale Unternehmer in (Post)Kriegsländern anwendbar ist, um lokale Märkte aufzubauen. Seine „Building Markets“ Initiative hat allein in Ost-Timor, Haiti und Afghanistan lokalen Klein- und Mittelbetrieben geholfen über 15,000 öffentliche Ausschreibungen zu gewinnen – 1 Milliarde USD für die lokale Wertschöpfung.

Viele Universitäten, aber auch Schulen, beginnen Sozialunternehmertum und die darunterliegenden „Changemaker Skills“ in ihre Lehrpläne und Ausbildungszweige zu integrieren; eine Bewegung, die Unterstützung von Geberorganisationen verdient, da es hier um einen langfristigen Kulturwandel geht. Zudem können Geberorganisationen strategische Allianzen und Partnerschaften zwischen Sozialunternehmen und der Privatwirtschaft ermöglichen, um gemeinsam an neuen Lösungswegen für komplexe gesellschaftliche Probleme zu arbeiten. Ein spannendes Beispiel ist die „Opportunities for the Majority Initiative“ der Interamerikanischen Entwicklungsbank, die inklusive Businessmodelle zur Armutsbekämpfung mit Know-How und Finanzierung in Lateinamerika unterstützt. In Sinne der „reverse innovation“ wäre das durchaus auch für das Austria Wirtschaftsservice (AWS) ein spannender Ansatz.

Neue Initiativen können in Partnerschaften mit lokalen Intermediär-Organisationen, die bereits Teil der aufkeimenden Infrastruktur für SozialunternehmerInnen in vielen Teilen der Welt sind, erarbeitet und umgesetzt werden. Neue Formen des Austausches und der Zusammenarbeit zwischen Akteuren, die an gemeinsamen Lösungsansätzen arbeiten, und nur durch Geographie und sozio-politischen Kontext getrennt sind, können durch bilaterale und multilaterale Geberorganisationen beflügelt werden. Das stärkt nicht nur soziale „globalisierte“ Wirtschaftskreisläufe, sondern auch die globale Zivil- und BürgerInnengesellschaft, gemeinsam Lösungen für brennende soziale Probleme zu finden.

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