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Interview mit Ashoka Fellow Arnoud Raskin

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von ashokaaustria

Arnaud Raskin, Ashoka Fellow seit 2011, hat Wien besucht, um einen Vortrag bei einem Finanzdienstleister zu halten. Wir haben die Gelegenheit natürlich genutzt und ihn zu uns ins Büro eingeladen, um ihm einige Fragen zu seinen „Mobile Schools“ und seiner Unternehmensberatung „StreetWize“ zu stellen. Mit dieser bringt er Managern und CEOs Fähigkeiten von Straßenkindern bei, und ändert dabei nicht nur ihre Wahrnehmung dieser als Opfer, sondern vermittelt ihnen dabei wichtige Erkenntnisse für den Geschäftsalltag.

Arnaud hat den Ansatz, wie man mit Straßenkindern arbeitet komplett verändert: Er setzt auf das Verstehen der Situation der Straßenkinder und versucht ihnen dort zu helfen, wo sie sich zu Hause fühlen: auf der Straße selbst.

Ashoka: Was macht deine Organisation anders als andere, die mit Straßenkindern arbeiten?

Arnaud: Es begann alles als ich Industrial Engeneering studierte, und auf der Suche nach einem Thema für meine Abschlussarbeit war. Es wurde von mir erwartet, das ich gemeinsam mit Unternehmen ein Produkt entwickeln sollte. Ich merkte schnell, dass das nicht mein Ding war. Ständig neue Produkte zu designen um alte zu ersetzen war kein nachhaltiges, langfristiges Konzept für mich. Also begann ich nach Alternativen zu suchen. Meine Mutter begann zu diesem Zeitpunkt sich für Straßenkinder in Südamerika zu interessieren und ich erkannte in ihnen Kunden, für die niemand Produkte designte. Ich entschied, das sind die Kunden, für die ich arbeiten möchte. Ich las viel über Straßenkinder und versuchte sie besser zu verstehen, bis ich schließlich als Freiwilliger in Südamerika zu arbeiten begann. Da mein Spanisch sehr schlecht war, begann ich mir etwas von den Straßenkindern beibringen zu lassen. Und in diesem Rollentausch erkannte ich das unglaubliche Potential der Straßenkinder. Ich erkannte, dass Selbstbewusstsein, und die Vermittlung desselben an die Kinder der Schlüssel war, sie erfolgreich zu rehabilitieren. Andere Organisationen wollten die Kinder einfach von Straße bekommen, da sie oft quantitative Ziele für ihre Sponsoren erreichen mussten. Nachhaltig war das meist nie, denn nur Tage oder Wochen danach waren sie wieder auf der Straße. Ich wollte tiefer gehen, die Kinder davon überzeugen, dass sie selbst die Kraft und die Fähigkeiten haben abseits der Straße erfolgreich zu sein. Sie müssen sich selbst dafür entscheiden, die Straße zu verlassen, nicht mit Tee und einem warmen Bett dazu überredet werden.

Ashoka: Wie sehen die Straßenkinder die Straße, auf der sie leben?

Arnaud: Für sie ist sie der Platz, wo sie sich stark fühlen, wo sie leben und spielen. Für die Kinder ist die Straße die beste Umgebung, die sie sich vorstellen können. Zu Hause wartet oft ein gewalttätiger Stiefvater oder eine drogenabhängige Mutter, also ist die Straße oft das kleinere Übel für sie. Sie sind Jemand auf der Straße, während sie in einem Heim wieder ein Niemand sind. Natürlich gibt es viele schlechte Dinge, die auf der Straße passieren wie etwa Drogenhandel, aber auch viel Positives, was viele nicht sehen: Entrepreneurship, Problemlösungskomptetenzen, der Umgang mit Unsicherheit oder auch viel Kreativität.  Alles was wir machen, zielt auf das Selbstbewusstsein der Kinder ab. Wenn man den Kindern zum Beispiel einfach sagt „Nimm keine Drogen, das ist schlecht“ zerstörst du ihr Selbstbewusstsein, und sagst ihnen im Prinzip, dass sie schlecht sind. Man muss sie besser verstehen, dass sie Drogen nicht grundlos nehmen, sondern um der schlimmen Realität zu entkommen. Das müssen wir verstehen.

Ashoka: Wie kamen dann die Mobile Schools ins Spiel?

Arnaud: Ich erkannte, dass man die Kinder nur da unterrichten konnte, wo sie sich wohlfühlten und das war auf der Straße. Außerdem brauchte man Material, das auf Ihre Lage einging: man konnte mit ihnen nicht einen Aufsatz darüber schreiben, wie sie mit ihrer Mutter einkaufen gehen, da sie oft keinen Kontakt mehr zu den Eltern haben, geschweige denn mit ihrer Mutter einkaufen gehen. Also designte ich die Mobile School, die an die Anforderungen für Straßenunterricht angepasst wurde, wie etwa das sie sicher gegen Diebstahl war. Wir benutzen zum Beispiel sauberen Müll um sie als pädagogische Materialien zu verwenden und brachten auch viele Lernspiele, wo die Kinder auf spielerische Art lernen konnten.

Ashoka: Deine Organisation StreetWize bringt Firmen Straßenkinder-Fähigkeiten bei. Was können Firmen und auch wir von Straßenkindern lernen?

Arnaud: Viel, sehr viel. Die Kinder sind es gewohnt in einem Zustand ständiger Unsicherheit zurechtzukommen, mit ständig wechselnden Verhältnissen und auch sehr viel Konkurrenz, also eigentlich ganz ähnlich wie momentan in Europa. Was ich bemerkte war, dass wir, im Gegensatz zu diesen Kindern, nicht die Fähigkeit haben, damit umzugehen, mit Krisen und schwierigen Verhältnissen. Wir sind verwöhnt von permanenten Wachstum. So versuchen wir die Schlüsselkompetenzen der Kinder zu vermitteln, die man in Krisen benötigt. Dank unserer Nachforschungen konnten wir 4 zentrale Street Skills identifizieren: Positiver Fokus, die Fähigkeit Gelegenheiten zu erkennen, Agilität und Widerstandsfähigkeit, das heißt, dass man nicht aufgibt, Pro-aktive Kreativität, man muss kreative Lösungen finden und kooperativer Wettbewerb, wo man im richtigen Moment zusammenhält. Die Gewinne aus StreetWize werden komplett zurück in die Mobile Schools reinvestiert. Somit haben wir mit StreetWize und den Mobile Schools auch ein finanziell stabiles Modell gefunden.

Ashoka: Was ist aus Schülern geworden, die an deinen Mobile Schools teilgenommen haben?

Arnaud: Natürlich ist es schwer zu sagen, was aus ihnen wird, da wir ihnen nicht folgen, aber viele treffe ich zufällig. Vor ein paar Jahren in Guatemala habe ich „Topo“ getroffen, der früher tief in der Gang- und Drogenszene steckte, und als ich ihn nach all diesen Jahren wieder traf, erzählte er mir, dass er nun für ein Färber-Unternehmen arbeiten würde. Er hat es also geschafft diese Szene hinter sich zu lassen. Und ich freue mich natürlich sehr, wenn ich einen „Ehemaligen“ treffe.

Ashoka: Seit 2011 bist du Ashoka Fellow. Wie hat Ashoka deine Arbeit beeinflusst?

Arnaud: Ashoka bietet mir vor allem ein tolles Netzwerk, wo man sich austauschen kann und wo man auch wieder gefordert wird. Auf einer Konferenz in Paris, lernte ich viele Fellows und Ashoka Mitarbeiter kennen, diese Leute fordern mich und helfen mir so mich und mein Projekt weiter zu entwickeln. Ashoka hilft mir auch Kontakte mit vielen Interessenten für StreetWize herzustellen, wie eben dieser Vortrag, den ich hier in Wien gehalten haben. Viele neue Möglichkeiten ergaben sich aufgrund von Ashoka.

Ashoka: Vielen Dank für das interessante Interview!

Arnaud: Gern geschehen!

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